New-York – Berlin

Interview mit der Künstlerin Suzanne Forbes.

Von New York nach Berlin, liebe Suzanne. Was hat Dich an Europa gereizt, besonders an Berlin?

From New York to Berlin, dear Suzanne. What attracted you to Europe, especially to Berlin?

Wir sind eigentlich aus der Gegend von San Francisco nach Berlin gezogen, wo ich seit 1997 gelebt habe. Mein Mann und ich wussten, dass wir aus den Staaten raus wollten, da wir beide erhebliche chronische Krankheiten haben und die medizinischen Kosten, selbst mit der „besten“ Krankenversicherung horrend waren. Wir wollten irgendwohin gehen, wo es eine soziale medizinische Versorgung gab. Unsere Wahl fiel auf Vancouver, London und Berlin. Kanada wollte uns nicht, da ich zu alt war, London war zu teuer, und mein Mann, der oft in Berlin gewesen war, sagte, es sei wie in New York in den 80ern, entschieden wir uns für diese Stadt.

We actually moved to Berlin from the San Francisco area, where I had been living since 1997. My husband and I knew we wanted to get out of the States, as we both have significant chronic illnesses and medical costs were devastating, even with „the best“ health insurance. We wanted to go someplace with socialized medicine/universal healthcare; our choices were Vancouver, London and Berlin. Canada didn’t want us, as I was too old to breed, London was too expensive, and my husband, who had been to Berlin often, said it was like New York in the 80s.

Wie unterscheidet sich das Leben in diesen beiden Metropolen?

How does life in these two metropolises differ?

Berlin ist in der Tat New York in den 80ern sehr ähnlich! Ich liebe es so sehr. Ich wurde auf der Insel Manhattan geboren und lebte bis zu meinem 22. Lebensjahr im West Village und in Chelsea, wo ich am 27. Januar 1989 wegzog, um mich wegen Drogen- und Alkoholabhängigkeit behandeln zu lassen. Ich habe seitdem nicht mehr dort gelebt, aber natürlich war ich oft dort. New York hat sich in den letzten dreißig Jahren stark verändert, ebenso wie Berlin in den sechs Jahren, in denen wir hier leben. Im Allgemeinen taten die Änderungen beiden Städten nicht gut.

Berlin is in fact a lot like New York in the 80s! I love it so much. I was born on Manhattan island, and lived in the West Village and Chelsea til I was 22, when I left to get treatment for drug and alcohol addiction, on Jan 27 1989. I haven’t lived there since then, but of course I have visited. New York has changed a lot in the last thirty years, as Berlin has changed in the six years we’ve lived here. In general, the changes have not been good for either city. 

Welchen Unterschied macht es für Dich?

What difference does it make to you?

Für mich als Künstler, der Künstler und queere Kultur dokumentiert, muss ich an einem Ort leben, an dem Künstler und queere Menschen leben können. Ich bin 1997 in die Bay Area gezogen und habe gesehen, wie die kreative und queere Kultur dort durch den ersten und zweiten Tech-Boom zerstört wurde. Es war so klar, dass die Stadt Künstler nur als Unterhaltung für die Reichen schätzte. Ich war während der Großen Rezession für kurze Zeit obdachlos und ohne Krankenversicherung in Oakland, und wusste damals schon, dass ich irgendwohin gehen musste, wo Künstler geschätzt würden.

To me, as an artist who documents performers and queer culture, I have to live someplace artists and queers can live. I moved to the Bay Area in ’97, and I saw the creative and queer culture there being devastated by the first and second tech booms. It was so clear that the city only valued artists as entertainment for the rich. I was briefly homeless and without health insurance in Oakland during the Great Recession, and I knew then that I had to go somewhere artists were valued.

Erzähl mir etwas über Deine Vita.

Tell me a little about your vita.

Mit sieben Jahren begann ich mit privatem Zeichenunterricht und mit 10 nahm ich Zeichenunterricht in der Art Students League. Mit 16 hatte ich dann regulären Unterricht in der League. Mit 18 Jahren besuchte ich als Illustrationsschülerin die Parsons School of Design und war dort mehrere Jahre . Aber ich musste New York verlassen, um clean und nüchtern zu werden. Ich schloss mein Studium der Schönen Künste am Minneapolis College für Kunst und Design ab und wurde Gerichtssaal-Künstler für die lokale CBS-Station, bevor ich überhaupt meinen Abschluss gemacht hatte. Dann habe ich Mitte der 90er Jahre einige Jahre für DC Comics an einem der Star Trek-Comics gearbeitet. Aber zu Hause an Comics zu arbeiten war damals für meine seelische Gesundheit sehr schlecht, wie sich herausstellte.

I started private drawing lessons at age seven, drawing classes at the Art Students League at 10, and regular classes at the League when I was 16. I went to Parsons School of Design as an Illustration student at 18, and was there for several years. But I had to leave New York to get clean and sober. I wound up finishing my Fine Arts degree at the Minneapolis College of Art and Design, and becoming a courtroom artist for the local CBS station before I had even graduated. Then I worked for DC Comics on one of the Star Trek comics for a couple of years in the mid ’90s. But working at home on comics was very bad for my mental health, as it turned out.

Warum stellst Du Deine Zeichnungen kostenlos zur Verfügung? Das ist sehr ungewöhnlich!

Why do you give your drawings for free? This is very unusual!

Ein Portrait von mir und Brigitta Kuesgen

Ich verschenke Reproduktionen meiner Zeichnungen! Downloads. Die tatsächlichen Originalzeichnungen stehen zum Verkauf und kosten Geld. Das kostenlose Verschenken von Reproduktionen ist eine Kombination aus zwei Kulturen: der Open-Source-Hacker-Ideologie der Bay Area und den Grateful Dead. Als Teenager war ich ein Deadhead, und die Dead ermutigten die Leute tatsächlich, ihre Konzerte aufzunehmen und Bänder zu tauschen und zu teilen. Dann lebte ich jahrelang mit Hackern zusammen und interessierte mich für die Idee, Dinge frei verfügbar zu machen. Die Inspiration von Künstlerfreunden hat mir wirklich geholfen, mich für die kostenlose Verbreitung zu engagieren. Wie Eliza Gauger, die all ihre „Heilsiegel“ für ihre Gönner freigegeben hat, sowie die Fotografin Audrey Penven (jetzt auch Berlinerin!) Desweiteren Julia Wolf, die Creative Commons zur Lizenzierung ihrer Arbeit verwendet. Natürlich würde es nicht funktionieren, wenn mich nicht jemand dafür bezahlen würde, Kunst zu machen! Vielleicht bekomme ich irgendwann Kunststipendien, aber in den letzten fünf Jahren waren es meine rund 50 Gönner auf „Patreon“, die mir zwischen einem und zweihundert US-Dollar pro Monat geben, um Kunst zu machen und sie zu verschenken.

I give away reproductions of my drawings! Downloads. The actual original drawings are available for sale, and they cost money. Giving away reproductions for free is a combination of two cultures: Bay Area open source hacker ideology and the Grateful Dead. I was a Deadhead as a teenager, and the Dead actually encouraged people to record their concerts and trade and share tapes. Then I lived around hackers for years and got interested in the idea of making things free.  The inspiration of artist friends really helped me commit to free distribution. Like Eliza Gauger, who has released all of her healing sigils to her Patrons, and the photographers Audrey Penven (now a Berliner too!) and Julia Wolf, who use Creative Commons to license their work. Of course, it wouldn’t work without someone paying me to make the art! Maybe eventually I’ll have art grants, but for the last five years it’s been my 50 or so Patrons on Patreon, who give me between a single US dollar to two hundred dollars a month to make art and give it away.

Wie würdest du deine Kunst beschreiben?

How would you describe your art?

Ich bin eine eingefleischte Dokumentarfilmerin. Wie Toulouse Lautrec oder die Militärillustratoren, die mit den Streitkräften reisten, zeichne ich, was ich in meiner Gegend um mich herum sehe. Ich bin ein Porträtistin, die Geschichten von Menschen in der queeren Kultur erzählen möchte.

I am an embedded documentary artist. Like Toulouse Lautrec, or military illustrators who travel with armed forces, I draw what I see around me in my community. I am a portraitist who wants to tell the stories of people in queer culture.

Hattest Du Ausstellungen und wenn ja, wo?

Did you have exhibitions and if so, where?

Ich hatte einige Ausstellungen, wie in der feministischen Kunstgalerie Femina Potens in San Francisco in den Oughts zum Beispiel, und war hier in einer Gruppenausstellung in The Ballery. Ausstellungen sind nicht mein Hauptziel, deshalb verfolge ich sie nicht wirklich. Ich möchte, dass die Leute so einfach auf meine Kunst zugreifen können, wie ich als Kind Cartoons in der Village Voice sehen konnte.

I have had some exhibitions, like at the feminist art gallery Femina Potens in San Francisco back in the Oughts, and been in a group show at The Ballery here. Exhibitions aren’t my main goal, so I don’t really pursue them. I want people to access my art as easily as I could see cartoons in the Village Voice as a kid.

Ist die Queer-Szene in Berlin ganz anders als in New York?

Is the queer scene in Berlin very different from that in New York?

Basierend auf meinen Erinnerungen an die 80er Jahre, ist sie oberflächlich betrachtet, nicht so anders! Aber Berlins queere Szene unterscheidet sich nicht von der in San Francisco, die ich in jüngerer Zeit kennen lernte. Soziale Gerechtigkeit ist ein großer Teil des Dialogs. Performances und Events sind hier mehr gemischt, burlesk mit Drag und hetero mit homosexuell, und das finde ich toll.

Based on my memories of the 80s, not so different on the surface! But Berlin’s queer scene is not unlike San Francisco’s, the scene I know more recently. Social justice is a huge part of the dialogue. Performances and events are more blended here, burlesque with drag and straight with gay, and I love that. 

Hast Du bereits eine Vorstellung davon, wohin Dein Weg Dich führen wird?

Do you already have an idea of where your path will lead you?

Ich möchte einfach genau das tun, was ich tue. Solange ich genug Gönner habe,die mich am Laufen halten, und ich stark genug bin, es zu tun, werde ich überall auftauchen, um Leute zu zeichnen, ob per Livestream (hoffentlich bald), oder im realen Raum.

I just want to keep doing exactly what I’m doing. As long as I can get enough Patrons to keep me going, and I am strong enough to do it, I am gonna be showing up to draw folks, whether via livestream or (hopefully soon) in real space. 

Was ist dein künstlerisches Ziel?

What is your artistic goal?

Ich würde diese Arbeit gerne für den Rest meines Lebens fortsetzen. Als behinderte Künstlerin habe ich immer mehr körperliche Einschränkungen, aber mein Herz und mein Hunger nach Arbeit sind stärker als je zuvor. Es erfüllt mich mit Sinn, von einzigartigen Menschen Zeugnis zu geben und Zeichnungen anzufertigen, die sie glücklich machen. Ich möchte, wenn ich so lange in Berlin live gezeichnet habe wie in San Francisco, ein Kunstbuch machen, das halb SF und halb Berlin ist. Also noch vier Jahre oder so!

I would love to keep doing this work for the rest of my life. As a disabled artist, I experience more and more physical limitations, but my heart and my hunger for the work is stronger than ever. It fills me with meaning and purpose to bear witness to unique human beings, to make a record of them that makes them happy. I’d like, when I have been live-drawing in Berlin as long as I did in SF, to make an art book that is half SF and half Berlin. So another four years or so!

Und was ist Dein persönliches Ziel?

And what is your personal goal?

Nützlicher, freundlicher und der Gemeinschaft dienlicher zu werden, obwohl meine körperlichen Einschränkungen zunehmen.

To become more useful, kinder, and of more service to the community, despite the fact that my physical limitations are increasing. 

Danke für dieses, in Corona Zeiten schriftlich geführte, Interview, liebe Suzanne

Thank you so much for the interview, dear Suzanne, which we made per mail due to corona.

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